Vorbilder und was ich von ihnen lernen durfte

Vorbilder und was ich von ihnen lernen durfte

Wer sind eigentlich deine Vorbilder? Heute könnten wir schnell an Erfolgsmenschen aus dem Bereich Sport, Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft denken. Ich nicht. Meine beiden größten Vorbilder waren nichts von dem. Im Gegenteil, sie waren bodenständig, humorvoll und ehrlich: mein Vater und mein buddhistischer Lehrer.

Dieser Artikel in der Blognacht von Anna Koschinski entstanden. Einmal im Monat kommen hier Bloggerinnen und Blogger zusammen. Anna gibt einen Impuls und dann wird gemeinsam gebloggt.

Mein Vater und die Nacht in der Taucherhütte

Mein Vater war ein durchweg positiv denkender Mensch, auch wenn es privat und beruflich manchmal alles andere als leicht war. 1927 wurde er geboren, mit 16 Jahren als Kind zum Heer eingezogen und damit mittendrin im Zweiten Weltkrieg. Nach Kriegsende war er dann noch vier Jahre in polnischer Kriegsgefangenschaft. Natürlich waren diese Jahre sehr prägend für ihn und sicherlich hat er auch schlimme Dinge erlebt, über die er nie wirklich sprechen konnte. Seinen Optimismus und seinen Humor hat er sein ganzes Leben lang niemals verloren.

Mich prägte seine Weltoffenheit. Toleranz und Neugier gegenüber dem Fremden waren ihm immer wichtig, und durch ihn habe ich gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, auf das zu schauen, was läuft, statt auf das, was schiefgeht.

Und er konnte unsere Reisen organisieren. Damals gab es noch keine Internetverbindung, also liefen unsere Familien-Sommerurlaube über Kataloge und Reisebüros. Meine Mutter wollte vier Wochen Sonne am Stück, kein wechselhaftes Ost- oder Nordseewetter, also fuhren wir immer nach Italien. Viermal ging es unter anderem auf die Insel Elba.

Nur mein Vater hatte einen Führerschein, und so musste er auch die gesamte Strecke alleine fahren. Stets starteten wir pünktlich um drei Uhr nachts, machten den ersten Stopp bei Basel, ließen das Auto in Kandersteg auf den Zug durch den Lötschberg und  Simplon-Tunnel verladen, fuhren am Lago Maggiore vorbei bis Mailand, übernachteten dort in einem Motel,  am nächsten Tag gings weiter nach Piombino, um mit der Fähre nach Elba überzusetzen. Jedes Mal streikte eine der beiden Fährgesellschaften. Und im Fährbüro wurde dein Nachname genau einmal aufgerufen – deutsche Namen mit italienischem Akzent. Wer sich nicht sofort meldete, war von der Liste gestrichen. Wir hatten Glück.

Ein anderes Mal fuhren wir in einem Rutsch bis Piombino. Am Hafen angekommen war die letzte Fähre schon weg. Schnell war klar: Wenn wir die erste am nächsten Tag kommen wollten, durften wir uns hier nicht mehr wegbewegen. Also ab in die nächste Pizzeria zum Pizzaessen, dort noch einmal die Toilette nutzen, um dann zu viert im Auto zu übernachten. Im nächsten Jahr wurden wir schon abends nach Elba übergesetzt, obwohl unsere Ferienwohnung erst am nächsten Tag frei war. Mein kleiner Bruder durfte beim Sohn des Vermieters schlafen, meine Eltern und ich bekamen die kleine Hütte der Taucher am Strand zugewiesen und machten es uns zwischen Taucherflaschen, Flossen und Tauchermasken auf Liegestühlen bequem. Mitten in der Nacht klopfte und rüttelte plötzlich jemand energisch an der Tür. Wir hielten die Luft an, mucksmäuschenstill.

Heute lachen wir herzlich über genau diese Situationen. Sie haben unsere Reisen unvergesslich gemacht, und wahrscheinlich ist meine Liebe zu abenteuerlichen Reisen in die weite Welt genau deshalb entstanden.

Wie muss ein Vorbild für mich sein

Ein Vorbild muss für mich tun, was es sagt. Absolut ehrlich, freudvoll, furchtlos. Dazu gehören auch Misserfolge und dazu kann jeder stehen. Die Welt ist nicht nur schön und wundervoll, sie ist auch grausam, und ein echtes Vorbild schaut hin, überall, und versucht mit den eigenen Mitteln, sie zu einem besseren Ort zu machen.

Vorbilder haben Selbstvertrauen in sich selbst und Vertrauen in andere. Dadurch erwecken sie das Selbstvertrauen in uns selbst. Sie denken, sprechen und handeln wohlwollend zum Besten aller und sind voller Liebe und Mitgefühl für die Wesen.

Mein buddhistischer Lehrer

Mein zweites, noch größeres Vorbild ist mein buddhistischer Lehrer. Vor sieben Wochen ist er gestorben. Bis zum Schluss war er glücklich, voller Freude, ohne Angst vor dem Tod. Er hatte volles Vertrauen zu seinem eigenen Lehrer und hat in dessen Auftrag zusammen mit seiner Frau unzählige buddhistische Zentren in Deutschland, Europa und weltweit gegründet. Sein ganzes Leben lang war er für seine Schüler da.

Er sagte einmal: „Humor ist der beste Schutz, den du hast – Humor is the best protection you have.“ Humor. Die Kunst, über sich selbst zu lachen und sich nicht zu ernst zu nehmen. Das macht so vieles leichter – das Leben, die Krisen, das Sterben.

Was mir wichtig ist

Ich schreibe diesen Text nicht, um meinem Vater oder meinem Lehrer ein Denkmal zu setzen. Mir ist etwas anderes wichtig: Danke zu sagen. Danke, dass ich durch die beiden so viel lernen durfte. Dass sie mich begleitet haben. Dass sie mir die Wichtigkeit von Freiheit gezeigt haben. Dass ich für mein eigenes Glück selbst verantwortlich bin. Vielleicht kann ich auch dadurch ein zu einem Vorbild für andere werden.

Wer sind deine Vorbilder – und was haben sie dir mitgegeben?

Dankbare Grüße, Birgit

4 Kommentare
  • Pingback:Blognacht Vol. 70: Idole und andere Vorbilder
    Posted at 19:35h, 31 Juli Antworten

    […] Birgit ist nach längerer Pause mal wieder dabei und schreibt einen Text über ihre Vorbilder, die keine Stars sind, und ihr vielleicht genau deswegen so viel mitgeben konnten: Vorbilder und was ich von ihnen lernen durfte […]

  • Gabi Kremeskötter
    Posted at 09:30h, 04 Juli Antworten

    Liebe Birgit,
    auch dein Vater hat dich geprägt und ist dir Leitstern als Vorbild, danke für die Episoden aus deiner Kindheit, daher kommt also deine Fernreiselust!
    Interessant zu lesen, was ein Rückblick und Erkennen der Triebfedern uns doch zu den scheinbar selbstverständlichen Menschen in unserem Leben führen.
    Danke für deinen Einblick!
    Freue mich, dass wir uns gestern online einmal wiedergesehen haben:-)
    Herzliche Grüße
    Gabi

  • Dr. Martina Riedel
    Posted at 23:03h, 03 Juli Antworten

    Hallo, Birgit,
    wie schön Du von deinen Eltern schreibst.
    Deine Begeisterung und erfahrung mit dem Buddhismus kann ich nachvollziehen.
    Darf ich fragen: Wer war Dein Lehrer?
    Ein schöner Blogartiekl. Danke dafür
    Viele Grüße Martina

  • Shivani
    Posted at 22:54h, 03 Juli Antworten

    Liebe Birgit,

    dein Beitrag strahlt genau das aus, worüber du schreibst: Ruhe, Dankbarkeit und Vertrauen. Beim Anblick des wunderschönen Grüns auf deinem Titelbild kam mir spontan der Gedanke, dass vielleicht auch die Natur selbst eines deiner Vorbilder ist. Sie wächst in ihrem eigenen Tempo, bleibt sich treu und entfaltet sich ganz selbstverständlich. Das hat für mich wunderbar zu deinem Text gepasst. Danke für diesen berührenden Beitrag.

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