09 Aug. Vom Müssen zum Dürfen
Silke Geissen ruft zur Blogparade „Einen Scheiß muss ich!“ auf. Ihre Ausgangsbeobachtung: Außer aufs Klo gehen und sterben müssen wir eigentlich gar nichts. Alles andere ist Wahl, auch wenn es sich oft nicht so anfühlt. Ihre Frage an uns: Welche vermeintlichen Pflichten hast du abgeworfen, oder würdest du gerne abwerfen? Wo hast du gemerkt, dass das Müssen in Wirklichkeit ein Dürfen war?
Ich musste da nicht lange überlegen. Ich bin Jahrgang 1962, ein Nachkriegskind, und das Muss war in unserer Familie so allgegenwärtig wie der Kaffee auf dem Frühstückstisch.
Woher das Muss kam
Meine Eltern haben den Zweiten Weltkrieg in voller Härte miterlebt. Mein Vater wurde mit sechzehn eingezogen. Meine Mutter musste mehrmals aus Wuppertal fliehen. Die Stadt erlebte zwei schlimme Bombenangriffe, unglaublich viel wurde zerstört. Wer so etwas durchgemacht hat, gibt seinen Kindern oft ein festes Regelwerk mit, vermutlich aus dem Gefühl heraus, dass Ordnung und Anstand Sicherheit geben. Bei uns hieß das: Ich muss zu allen und jedem freundlich sein. Ich muss Danke sagen, auch wenn ich etwas geschenkt bekomme, das ich weder wollte noch mochte. Als kleines Kind musste ich einen Knicks machen, wenn ich jemanden begrüßte, und musste jedem die Hand geben. Wenn nicht, gab es Ärger. Ich fand das damals schon schrecklich.
Ich will das gar nicht schlecht reden, so waren meine Eltern geprägt. Und aus ihrer Sicht haben beide das Beste für meinen Bruder und mich gewollt und auch gegeben. Dennoch hat sich früh in mir festgesetzt: Ich muss.
Die Sache mit der Direktorin
Mit zehn Jahren nahm ich mein Leben zum ersten Mal selbst in die Hand. Mein Vater hatte mich nach der Grundschule auf dem Gymnasium angemeldet. Das erste Halbjahr lief gut, dann wurden meine Noten deutlich schlechter. Meine Mutter meinte, ich muss mehr lernen, muss mich mehr anstrengen, sonst muss ich zur Hauptschule gehen.
Für mich war das undenkbar. Ich wollte auf dieser Schule bleiben. Also habe ich für mich selbst gesorgt: Mutig und allein bin ich zu meiner damaligen Direktorin gegangen und habe gefragt, ob ich das fünfte Schuljahr noch einmal machen dürfe. Sie hat mich angeschaut, gelächelt und gesagt: „Dem steht nichts im Wege.“ Erst als alles mit der Schule geklärt war, habe ich meine Eltern informiert.
Zehn Jahre alt, und ich hatte gerade gelernt, dass ich mir selbst helfen kann, wenn ich es nur versuche. Das Muss meiner Mutter war in dem Moment gar kein Muss mehr, es war eine Situation, in der ich eine eigene Wahl treffen konnte.
Vierzig und ein Buch
Man könnte jetzt denken, damit war die Sache erledigt. War sie nicht. Bis ich vierzig war, hat das Muss mein Leben immer noch stark beeinflusst, jedenfalls habe ich es so empfunden. Da waren ganz, ganz viele Muss-Muss-Muss in meinem Leben.
Dann gab es einen Wechsel. Jemand hat mir das Buch „Wie die Dinge sind“ von Ole Nydahl in die Hände gedrückt, und ich habe erkannt, wie viel Freiheit ich in Wirklichkeit habe und mit wie viel Freude und Leichtigkeit ich leben darf.
Der Weg dorthin war uns ist manchmal mühsam und manchmal leicht. Ein stetiger Prozess, unterstützt durch Yoga, das Achtsamkeitstraining und die tägliche Meditation. Ein langsames Aufwachen, Klarheit blitzt hin und wieder durch und das hält bis zum heutigen Tag an.
Zwischen Reiz und Reaktion
Es gibt einen Satz von Viktor Frankl, der für mich seitdem gilt: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum und darin liegt unsere Freiheit. Dieser Raum ist mal kleiner und mal größer. Meine Freiheit ist also, wie ich mich in diesem Raum bewege. Reiz – Impuls – Reaktion. Natürlich kann ich sofort auf den Reiz reagieren. Muss ich aber nicht. Vielmehr kann ich im ersten Moment meinen Impuls wahrnehmen und dann entscheiden, ob ich ihm nachgehe oder nicht. Ich darf mir selbst die Zeit geben, darüber nachzudenken, selbst entscheiden, wann und wie ich reagiere.
Ganz konkret bei Mails oder WhatsApp-Nachrichten: Wenn ich sofort antworte, besonders auf Nachrichten, über die ich mich geärgert habe, dann fällt die Antwort auch dementsprechend aus. Unfreundlich, wütend, emotional. Lasse ich mir Zeit, überdenke die Nachricht, schlafe eine Nacht darüber, ist die Reaktion eine ganz andere, und ich kann viel überlegter eine klare und angemessene Antwort formulieren.
Zwischen Reiz und Reaktion liegt unsere Freiheit, und diese Freiheit darf ich mir nehmen, auch wenn das Handy blinkt.
Meine Sportuhr
Eine Zeit lang habe ich gemeint, ich muss sie tragen, Tag und Nacht. Sie zeichnet meinen Puls auf, meinen Schlaf, jede Bewegung, und ich habe das für Selbstoptimierung gehalten. Also trug ich sie auch nachts an meinem Handgelenk, obwohl ich das als sehr unangenehm empfinde. Mit der Zeit hat mich das gestresst: Ich meinte, bestimmte Normwerte erfüllen zu müssen, gute Schlafphasen, den richtigen Puls, genug Schritte, und habe gar nicht bemerkt, dass ich mir diese Werte ganz allein auferlegt hatte.
Niemand hat sie von mir verlangt außer ich selbst.
Irgendwann habe ich mich gefragt: Wozu eigentlich? Ich weiß am nächsten Morgen ganz genau, ob ich gut geschlafen habe oder nicht, dafür brauche ich keine Uhr, die mir das in Zahlen bestätigt. Also lege ich sie inzwischen ab, ganz gleich, wie die Nacht war. Auch das war ein Muss, das sich als Dürfen entpuppt hat:
Ich darf mich selbst beobachten, ohne mich dabei zu überwachen.
Was mir hinter dem Apotheken-Tresen auffällt
Ich bin Apothekerin und in der Apotheke begegnet mir dieses Thema fast täglich. Mir fällt auf, wie unglaublich viele Menschen gestresst sind, Frauen und Männer gleichermaßen. Wenn ich nachfrage, ob sie denn wissen, woher der Stress kommt und was sie dagegen unternehmen können, schaue ich in fragende Gesichter. Viele wissen zwar, was die Ursache ihres Stresses ist, jedoch nicht, was sie dagegen machen können. Körperlich äußert sich der Stress zum Beispiel in Magenschmerzen, in Rückenschmerzen, in Kopfschmerzen. Psychisch in Erschöpfung bis hin zur Depression oder Angststörung. Die Idee ist dann ganz einfach. Sie kommen zu uns in die Apotheke und wollen eine Tablette, damit alles wieder gut ist.
So einfach ist es aber nicht. Das eigentliche Thema ist doch eher: Ich muss nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Ich muss nicht konstant für andere da sein und helfen. Ich darf auf mich selbst Rücksicht nehmen, mich für mich selbst entscheiden, Selbstfürsorge betreiben. Ich darf mich einfach mal hinsetzen und nichts tun, ein gutes Buch lesen, ein Lieblingsmusikstück hören oder Löcher in die Luft starren.
Mein Rat
Wenn du mich fragst, was ich aus alledem mitgenommen habe:
Pass gut auf dich selbst auf – wer sonst?
Lerne, gut zu dir selbst zu sein, schaffe dir kleine Freiräume, in denen du für dich selbst da bist. Das Muss meiner Kindheit, der Knicks, der Handschlag, die Höflichkeit um jeden Preis hat mich geprägt, keine Frage. Aber ich musste es nicht mein ganzes Leben lang mit mir herumtragen. Ich erlaubte mir, es abzulegen, Stück für Stück.
Danke an Silke Geissen für die Einladung zu dieser Blogparade, sie hat mich noch einmal ganz genau hinschauen lassen, welches Muss eigentlich meins ist und welches nur ein altes Erbe.
Und du? Welches Muss trägst du noch mit dir herum, das eigentlich längst ein Dürfen sein könnte? Ich freue mich, wenn du es mir in einem Kommentar erzählst.
Herzliche Grüße, Birgit
Silke Geissen
Posted at 12:15h, 10 AugustLiebe Birgit,
vielen Dank für deinen schönen Beitrag zu meiner Blogparade. Oh, wir Nachkriegskinder, ich musste sehr nicken beim Knicksen und Händegeben! Ich habe das Händegeben so gehasst, dass ich meinen Tanten erklärt habe, das ginge nicht, weil ich sehr ansteckende Warzen habe.
Hut ab vor deiner Courage, zur Direktorin zu gehen, das war ja mal eine ganz befreiende Aktion!
Danke für deine Buchempfehlung. Ich werde mir das Buch unbedingt ansehen. Ich will es mir unbedingt ansehen. Es ist mir aufgefallen, dass es mir deutlich besser geht, wenn ich morgens meditiere und mir eine Karte für den Tag lege. Und danach hetze ich manchmal direkt ins Geschehen. Da ist noch Luft nach oben.
Noch einmal danke für dein Verhältnis zur Sportuhr. Ich mag sie so gern tragen, damit mir morgens jemand erzählt, meine Werte seinen prima. Ehrlicherweise merke ich das natürlich auch selbst, und ich weiß, in bestimmten Konstellationen verschlechtern sie sich von Tag zu Tag. Dazu brauche ich nicht wirklich genaue Daten. Ich denke darüber nach.
Ein schöner Artikel, der mich leise über alle Punkte nachdenken lässt.
Herzlichen Dank und liebe Grüße aus Hamburg
Silke