14 Nov. Nicht schon wieder-Die Weltlage und ich
Wie sich Nachrichten und Bilder über Krieg und Umweltzerstörung in mein Leben drängen
Ich sitze morgens mit meiner Tasse heißem Wasser und dem dampfenden Frühstücksbrei am Küchentisch und genieße die Stille. Dieser Moment ist essenziell und wohltuend für mich. Ein Gefühl von „Die Welt ist in Ordnung“ lässt mich ruhig atmen und lächeln. Doch sobald ich das Display meines Mobiltelefons oder des PCs entsperre oder das Radio anmache, kommt schnell der Gedanke „Nicht schon wieder“.
Nicht schon wieder ein neuer Konflikt. Nicht schon wieder Nachrichten über nicht enden wollende Kriege. Nicht schon wieder Bilder über Umweltkatastrophen und Zerstörungen durch Klimawandel. Ich verspüre Ohnmacht, fühle mich klein und habe das Gefühl, dass die Welt immer mehr zerbricht.
Das Foto der vier Bilder oben sind von Ali Jadallah und zeigen Gaza unter israelischem Beschuss.
Zwischen Mitgefühl und Überforderung im Dauerstress
Diese Nachrichten und Bilder lassen mich nicht kalt – im Gegenteil. Ich fühle mit, bin traurig und habe oft Tränen in den Augen. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich nichts tun kann. Und dennoch setze ich mich bewusst mit den Kriegen in der Welt und der Umweltzerstörung auseinander.
So wie heute: Ich besuche die jährliche Ausstellung der World-Press-Fotos. Den gesamten November über können diese Fotos und Fotostorys im Contor in Dortmund angeschaut werden. Zu jedem Bild oder jeder Bilderserie wurde ein kurzer Text verfasst und über einen Audioguide erfahre ich noch weitere Informationen.

Obwohl ich weiß, dass dort Fotos von bedrückenden und schrecklichen Ereignissen gezeigt werden, erlebe ich eine Gefühlsmischung aus Faszination, Mitgefühl und Überforderung. Als ich wieder draußen vor der Türe stand, musste ich erst einmal tief durchatmen. Ich war erschöpft und gestresst, dabei lebe ich ja gar nicht in einer Krisenregion. Ich erinnere mich: Das Nervensystem unterscheidet nicht zwischen einer realen Bedrohung und den Bildern, auf denen die Bedrohung gezeigt wird. Es reagiert, jedes Mal und immer wieder nach dem gleichen Muster. Kriegsbilder und Umweltkatastrophen lösen in uns „Alarmbereitschaft“ aus. Unser Körper reagiert, als wären wir selbst bedroht, auch wenn wir sicher im Wohnzimmer sitzen oder wie ich heute mir diese Ausstellung anschaue. Passiert das täglich, führt es zu Dauerstress, wir werden müde, gereizt und flachen ab.
Die Probleme, die wir sehen, sind gigantisch. Was kann ein einzelner Mensch schon gegen die globale Klimakrise, Machtpolitik und Kriegskonflikte tun? Die Schere zwischen Wissen und Handlungsmöglichkeiten wird immer größer. Dadurch entsteht ein Ohnmachtsgefühl, das ist ein zentraler Aspekt von emotionaler Erschöpfung.
Negativität wird algohythmisch verstärkt
Besonders die digitalen Plattformen spielen bevorzugt Inhalte aus, die emotional eine starke Wirkung haben. Das sind leider oft die schlechten Nachrichten. Dabei wird die eigentliche Realität verzerrt, da der Fokus vermehrt auf diese Nachrichten gelegt wird und weniger auf die schönen Dinge und Ereignisse, die uns Freude bereiten und uns bereichern. In den sozialen Medien erscheint so ein verzerrter Ausschnitt. Die Welt ist dann dunkler und bedrohlicher, als sie tatsächlich ist.
„Nicht schon wieder“ ist ein Weckruf
Dieser Weckruf zeigt mir, dass ich eben nicht gleichgültig geworden bin. Ich fühle, dass die Welt mir nicht egal ist, und das zeigt auf ein tiefes Bedürfnis nach Frieden und intakter Natur. Ja, ich lebe in einer Zeit, die mir viel abverlangt. Ich fange an, ganz bewusst nach guten Nachrichten zu suchen, und finde sie. Es gibt weltweit so viele Menschen in Projekten, Initiativen und Bewegungen, die für das Gegenteil stehen: für Dialog statt Krieg, für Wiederaufforstung statt Zerstörung, für Lösungen statt Resignation.
„Nicht schon wieder“ ist auch ein Weckruf, der mich lehrt, dass es in Ordnung ist, wenn ich eine Pause mache oder brauche. Ich muss mir nicht jedes Bild oder Video von Krieg und Zerstörung anschauen. Manchmal muss ich mich einfach selbst schützen.
Und trotzdem wünsche ich mir, nicht abzustumpfen. Ich möchte informiert sein, ich möchte verstehen, ich möchte nicht wegsehen, während andere leiden oder während unsere Umwelt nach uns ruft. Mein Weg liegt irgendwo dazwischen: bewusst auswählen, was ich lese, und bewusst zulassen, was ich fühle. Aber nicht mehr alles, nicht mehr ständig.
„Nicht schon wieder“ als Zeichen der Hoffnung
Vielleicht klingt das seltsam, dieses nervende, überfordernde und verzweifelte „Nicht schon wieder“ zeigt mir auch, dass ich fühle und eben nicht abgestumpft bin. Der Frieden in der Welt ist mir wichtig, genauso wie die Umwelt und die Natur. Die Welt, in der ich lebe, ist mir wichtig und ich lebe in der Gewissheit, dass ich mit allem und jedem verbunden bin. Wenn jeder einen kleinen persönlichen Teil zum Frieden beiträgt und jeder sich ein klein wenig mehr umweltbewusst verhält, dann wird diese Welt zu einem besseren und schöneren Ort.

Dieser Artikel entstand in der Blognacht bei Anna Koschinski, vielen Dank für diesen Schreibimpuls.
Herzlichen Gruß, Birgit
Martha
Posted at 10:25h, 11 DezemberDie algorithmische Wiederholung all der schracklichen Dinge, die um uns passiere, das ist das was mir am meisten zu schaffen macht. Wenn man dem entkommt, dann ist es etwas einfacher mit diesen schwierigen Zeiten zurecht zu kommen.
Pingback:Blognacht Vol. 62: Verdrehte Augen
Posted at 20:37h, 08 Dezember[…] Noch ein neues Gesicht bei der Blognacht: Birgit Buchmayer. Auch Birgit schreibt den Impuls und findet tröstende Worte und gute Gedanken für den Zeitpunkt, wenn sich Nachrichten und Bilder über Krieg und Umweltzerstörung in dein Leben drängen: Nicht schon wieder-Die Weltlage und ich […]
Angela
Posted at 10:11h, 18 NovemberDas geht mir sehr oft genauso. Es ist ein Balanceakt zwischen Selbstfürsorge und Mitgefühl mit meinen Mitlebewesen. Wie du sagst, dass wir überhaupt noch etwas spüren, ist auch ein gutes Zeichen. Ich wünsche dir alles Gute mit den kleinen Schritten! Und vielen Dank für die bewegenden Bilder!
Petra Büeler - petramachts.ch
Posted at 18:29h, 16 NovemberLiebe Birgit, danke für diesen Blogartikel. Du schreibst mir bei so vielen Zeilen aus dem Herzen und es ist schön zu wissen, dass ich nicht alleine bin.
Ich fühle, das wichtigste ist, Frieden in unserem Herzen zu finden und zuzulassen, auch wenn vieles im Unfrieden ist, um uns herum. Und dort ansetzen, in unserem Umfeld, wo immer wir einen Unterschied machen können.