Mini Übung gegen den Stress im Alltag

Mini Übung gegen den Stress im Alltag

Kennst du das Gefühl, dass du rennst und rennst und trotzdem nie ankommst? Das Hamsterrad ist ja kein Bild, das sich jemand ausgedacht hat, um es hübsch klingen zu lassen. Es beschreibt ziemlich genau, was mit uns passiert, wenn Stress nicht mehr die Ausnahme ist, sondern der Normalzustand.

Der Körper kennt eigentlich ein System aus Anspannung und Erholung. Erst Stress, dann Pause, dann wieder Stress. Im Hamsterrad fällt der zweite Teil einfach weg. Es gibt kein Signal mehr, das sagt: Jetzt ist gut, jetzt darfst du runterfahren. Stattdessen läuft der Motor durch, Termin an Termin, Gedanke an Gedanke. Und irgendwann merkt man gar nicht mehr, dass man eigentlich schon lange im roten Bereich unterwegs ist.

Die gute Nachricht: Aussteigen geht. Nicht mit einem großen Befreiungsschlag, sondern mit kleinen, alltagstauglichen Werkzeugen. Yoga, Meditation, Achtsamkeit, Bewegung, das sind vier ziemlich verlässliche Wege raus aus dem Rad. Keine davon ist neu oder revolutionär. Aber eine davon hat einen kleinen Trick, der sie besonders alltagstauglich macht.

Die Wechselatmung, die keiner sieht

Die klassische Wechselatmung aus dem Yoga kennst du vielleicht: Man hält abwechselnd ein Nasenloch mit dem Finger zu und atmet durch das andere ein und aus. Das beruhigt nachweislich das Nervensystem, keine Frage. Nur mitten im Meeting, in der Bahn oder vor einem unangenehmen Gespräch wirkt es ein bisschen seltsam, wenn man sich plötzlich die Nase zuhält.

Und genau hier kommt die Variante ins Spiel, die ich für die praktischste von allen halte: die Wechselatmung ohne Finger. Man stellt sich einfach vor, abwechselnd durch das linke und das rechte Nasenloch zu atmen, ganz ohne es tatsächlich zuzuhalten. Einatmen, als käme der Atem durch das linke Nasenloch. Ausatmen, als ginge er durch das rechte. Dann durch das rechte wieder einatmen und durch das linke aus. Und wieder von vorn.

Das Schöne daran: Sie ist leicht zu erlernen, nahezu unsichtbar und trotzdem effektiv.

Niemand am Tisch merkt, dass du gerade eine Atemübung machst. Kein Finger an der Nase, kein komischer Blick von der Seite. Du sitzt einfach da, scheinbar ganz normal, und lenkst deine Aufmerksamkeit bewusst auf deinen Atemdeinen. Genau diese Unauffälligkeit ist der Punkt. Eine Übung, die man nur zuhause auf der Matte machen kann, hilft im Büro herzlich wenig. Eine, die im Büro, in der Bahn oder direkt vor der Tür zum schwierigen Gespräch funktioniert, schon.

Was dabei im Körper und im Kopf passiert

Das ist keine reine Kopfsache. Wechselatmung ist tatsächlich untersucht worden, allerdings meist in der klassischen Variante mit dem Finger. In einer Studie zeigte sich nach sechs Wochen regelmäßigem Training ein deutlich verbesserter parasympathischer Tonus, gemessen an der Herzfrequenzvariabilität. Einfacher gesagt: Der Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Erholung zuständig ist, wurde messbar aktiver, während der Stressanteil zurückging.

Die unsichtbare Version ohne Finger ist in dieser genauen Form noch nicht gesondert erforscht, das will ich ehrlich dazusagen. Aber der Wirkmechanismus dahinter bleibt derselbe: langsames, bewusstes, rhythmisches Atmen aktiviert den Vagusnerv, senkt die Herzfrequenz und schickt dem Körper das Signal, dass gerade keine Gefahr besteht. Ob man dabei ein Nasenloch tatsächlich zuhält oder es sich nur vorstellt, ändert an diesem Grundprinzip erst mal wenig.

Psychologisch kommt noch ein zweiter Effekt dazu, und der ist vielleicht sogar der wichtigere. Um zwischen links und rechts zu wechseln und mitzuzählen, muss man sich konzentrieren. Für diese paar Atemzüge ist im Kopf schlicht kein Platz mehr für die nächste To-do-Liste. Das ist im Grunde nichts anderes als Achtsamkeit in ihrer kleinsten, alltagstauglichsten Form:

Die Aufmerksamkeit für einen Moment ganz auf eine einzige, einfache Sache lenken statt auf zehn gleichzeitig.

Warum das mehr ist als ein Atem-Trick

Du kannst jetzt einwenden, dass ein bisschen bewusstes Atmen den Kalender nicht leerer und den Chef oder die Chefin entspannter macht. Stimmt. Aber das Hamsterrad ist ja nicht nur eine Frage der Termine, sondern auch eine Frage davon, wie der Kopf mit diesen Terminen umgeht. Und genau da setzt so eine kleine Übung an. Sie unterbricht für ein paar Atemzüge das Muster aus Anspannung ohne Pause. Ein Mini-Ausstieg, mitten im Tag, ohne dass irgendjemand etwas davon mitbekommt.

Man muss das Hamsterrad nicht mit einem großen Schritt verlassen. Manchmal reicht ein einziger bewusster Atemzug, den außer dir niemand bemerkt.

Wenn du magst, probier es gleich aus. Ein paar Atemzüge, ganz unauffällig, egal wo du gerade sitzt.

Herzliche Grüße, Birgit

2 Kommentare
  • Sona Terlohr
    Posted at 14:20h, 07 August Antworten

    Liebe Birgit, ich lese deinen Artikel auf dem Desktop und als ich nach der Überschrift weiter scrolle kommt das Foto – ich musste lächeln und eigentlich was das ja schon fast eine Mini-Übung gegen Stress ☺️ Ich kenne die Wechselatmung mit Fingern – was für eine einfache und schöne Achtsamkeitsübung, dies ohne Finger zu tun. Ich habe es eben ausprobiert, hier vorm Rechner und am Tisch sitzend – toll! Die ersten Male fand ich das einatmen eindeutiger oder einfacher, aber nach ein paar Atemzügen konnte ich meinem Atmen wirklich leicht folgen. Sehr schön! In meinem Elterncoaching geht es ja oft um Deeskalation und ich nutze oft einen Anker, der dir die Sekunde verschaffen kann, zu handeln, statt zu reagieren. Ich werde deine Übung mitnehmen und Eltern anbieten, vielleicht hilft es ja manchen beim „Durchatmen“ statt zu eskalieren. Mir am Schreibtisch eben hat es auf jeden Fall geholfen. Vielen Dank und herzliche Grüße, Sona

    • Birgit Buchmayer
      Posted at 14:41h, 07 August Antworten

      Liebe Sona,
      ich freue mich riesig, dass du die Atemübung sofort angewendet hast. Und ja, bitte weitergeben, vielen Dank.
      Herzlichen Gruß, Birgit

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