06 Aug. Mein Körper weiß, wenn es richtig ist
Wann hast du angefangen, auf dich zu hören, statt auf die Erwartungen anderer? Genau diese Frage stellt Lisa Rath in ihrer Blogparade „Ein Moment, in dem ich mich für mich entschieden habe“, und ich musste beim Lesen nicht lange überlegen. Bei mir sind es nicht ein Moment, sondern gleich mehrere. Und alle haben eines gemeinsam: Bevor mein Kopf überhaupt fertig war mit Abwägen, wusste mein Körper längst Bescheid.
Ich bin ein Mensch, der gerne Rücksicht nimmt. Der eher Ja sagt als Nein, der sich kümmert, mitdenkt, ausgleicht. Das geht so lange, bis ich merke, ich bin gestresst, unglücklich, ruhelos und unzufrieden. Bildlich gesehen stehe ich an einer Weggabelung und werde ich mich entscheiden müssen. Den alten wohlbekannten und ausgetretenen Weg weitergehen oder einen neuen, unbekannte Pfad betreten.
Egal ob Beziehung, Job oder etwas ganz anderes. In genau dem Moment, in dem ich die Entscheidung treffe, passiert etwas Merkwürdiges: Meine Schultern werden locker, mein Unterkiefer entspannt sich, der Atem geht plötzlich freier. Mein Körper entscheidet quasi mit, und er sagt mir jedes Mal sofort, ob ich richtig liege. Dabei geht es nie darum, mich gegen jemanden zu entscheiden. Es ist immer eine Entscheidung für mich, für das, was mir guttut.
Drei dieser Momente sind mir besonders im Gedächtnis geblieben.
Der goldene Käfig
Es gab eine Beziehung, in der ich mich zunehmend eingesperrt fühlte. Eng, fast wie in einem goldenen Käfig. Ich konnte kaum noch etwas allein für mich machen, immer war er dabei. Von heute auf morgen war für mich klar: So geht es nicht weiter. Ich zog aus, bezog meine ersten eigenen vier Wände. Kein langes Abwägen, keine Wochen des Zauderns. Einfach: Schluss.
Kündigung mit Ansage
Kurz danach kam die nächste große Entscheidung. Ich war zu dem Zeitpunkt fest angestellt als PTA, pharmazeutisch-technische Assistentin, mit einem regelmäßigen Gehalt jeden Monat. Und trotzdem kündigte ich, um mich fürs Pharmaziestudium zu bewerben. Ich wollte mehr. Mehr Möglichkeiten, mehr Verantwortung, einen Job, in dem für mich noch Luft nach oben war.
Meine Familie war davon nicht besonders begeistert, und ehrlich gesagt hatte ich selbst auch Zweifel. Kein festes Einkommen mehr, das ist schon ein Wort. Aber ich dachte mir, irgendwie wird es schon gehen. Und es ging: Weil ich vorher schon einige Jahre gearbeitet hatte, bekam ich elternunabhängiges BAföG, und über meine Ausbildung als PTA fand ich schnell eine Stelle in einer Apotheke, samstags und in den Semesterferien, manchmal auch ein paar Wochen am Stück. So habe ich mich durchs Studium finanziert. Geldsorgen hatte ich in der ganzen Zeit keine einzige Minute.
Stillen gegen den Widerstand
Der dritte Moment kam Jahre später, als unsere Tochter zur Welt kam. Ich entschied mich zu stillen, was ebenfalls in unserer Familie nicht überall auf Begeisterung stieß. Unsere Tochter war gerade mal drei Monate alt, da fragte mich meine Mutter, wann dieses Kind denn endlich mal etwas Gesundes, etwas Vernünftiges zu essen bekäme. Ich war ziemlich geschockt. Aber ich machte einfach weiter, so wie ich es für richtig hielt. Sechs Monate habe ich voll gestillt, jede Minute davon genossen, weil ich wusste, so ist es das Beste für uns zwei. Als ich abstillte, war es genau so gut. Meine Erkenntnis hieraus war, dass alles seine Zeit braucht und hat.
Entscheidung für mich
Drei ganz unterschiedliche Momente, eine Beziehung, ein Beruf, eine Mutterschaft, und trotzdem dasselbe Muster: Ich sage Ja, ich passe mich an, ich nehme Rücksicht, bis meine Grenze erreicht ist. Und dann kommt eine Entscheidung, oft schneller, als mein Kopf überhaupt hinterherkommt. So habe ich mich Stück für Stücke von den Vorstellungen anderer Menschen gelöst.
Was mir dabei bis heute hilft: diese körperlichen und mentalen Signale. Wenn die Schultern runtergehen und der Atem freier wird, weiß ich, dass ich bei mir bin. Und kurz danach kommt meistens noch etwas dazu: eine große Leichtigkeit, pure Freude. Ich sitze dann mit einem Lächeln im Gesicht da, balle manchmal die Hand zur Faust und denke: Genau so ist es richtig. Genau so muss es sein. Das ist mein verlässlichster Kompass, verlässlicher als jede lange Pro-und-Contra-Liste.
Bereut habe ich keine dieser Entscheidungen, im Gegenteil. Danach ging es jedes Mal wieder bergauf: mehr Freude, mehr Leichtigkeit, ich konnte Dinge tun, die vorher gar nicht möglich waren. Ich fühlte mich freier und einfach glücklicher.
Und du? Kennst du dieses Gefühl, wenn eine Entscheidung sich im Körper löst, bevor der Kopf sie überhaupt fertig gedacht hat?
Herzliche Grüße, Birgit
Pingback:Zusammenfassung meiner Blogparade zum Thema “Ein Moment, in dem ich mich für mich entschieden habe”
Posted at 16:51h, 16 August[…] Birgit Buchmayer beschreibt drei Momente, in denen ihr Körper eine Entscheidung traf, bevor der Kopf fertig abgewogen hatte. […]