Meine Jahre bis zum ersten Blogartikel

Meine Jahre bis zum ersten Blogartikel

Heute ist die 71. Blognacht mit Anna Koschinski. Ich bin erneut dabei. Das Thema von Anna ist wie ein Blind Date: „Dieser Weg war nicht glanzvoll, aber wertvoll“.

Sofort kam mir der Gedanke, darüber zu schreiben, wie ich zum Schreiben von Blogartikeln gekommen bin. Kannst du schreiben? Ich hätte diese Frage fast mein gesamtes Leben lang mit einem klaren Nein beantwortet. Dabei war das Handwerk nie mein Problem. Die Geschichte, wie aus diesem Nein ein Ja wurde, ist genau das: kein glanzvoller Weg, aber ein wertvoller.

Sütterlin und Bücherwurm

Obwohl das wahrscheinlich nicht im Lehrplan stand, lernte ich noch Sütterlin. Vor rund 57 Jahren, in der Grundschule, übten wir Schönschrift. Ich formte diese schwungvollen alten Buchstaben, und es fiel mir leicht. Lesen ohnehin. Ich verschlang alles, was mir in die Hände fiel, am liebsten Bücher über Natur und Naturwissenschaften, dazu Romane ohne Ende. Da, wo ich wohnte, gab es eine kleine Stadtbibliothek. Dort war ich Stammkunde. Das Handwerk des Schreibens und Lesens, das war nie mein Problem. Ganz im Gegenteil.

Der Bruch im Gymnasium

Dann kam das Gymnasium, und irgendetwas kippte. Ganz gleich, ob ich eine Gedichtsanalyse schreiben sollte, eine Literaturanalyse oder einen Sachtext: Ich traf nie das, was meine Deutschlehrerin lesen wollte. Ein einziges Mal hatte ich eine Zwei in einer Deutscharbeit. Neben mir war noch eine Birgit in der Klasse. Die Lehrerin verkündete, dass Birgit eine Zwei geschrieben hatte. Ich fühlte mich gar nicht angesprochen, sondern schaute meine Namensvetterin an. Ich war es wirklich und konnte das damals kaum glauben. Dabei machte mir die Literatur im Unterricht selbst weiterhin großen Spaß, ich las gern, ich dachte gern darüber nach. Nur wenn ich selbst schreiben sollte, wollte es nicht passen.

Das Abitur

Das Ganze gipfelte im Abitur. Ich hatte Chemie und Biologie als Leistungskurse gewählt, beides Naturwissenschaften. Dazu brauchte ich noch ein Sprachfach und eins aus dem Bereich Gesellschaftswissenschaften. Erdkunde nahm ich für Letzteres, Deutsch blieb als drittes Fach übrig, ob ich wollte oder nicht.

Meine Vornote: 4+. Auf dem Zeugnis stand meist eine 4, selten eine 3. Meine Deutschlehrerin meinte es gut mit mir, aber die Rechnung war klar: Ich brauchte im Abitur mindestens eine 5+, um der mündlichen Prüfung zu entkommen. Ich erinnere mich noch genau an den Umschlag mit den zwei Aufgaben, die sich darin versteckten: eine Gedichtsanalyse und ein Text von Kafka. Beide grausam. Das Ergebnis war auch wenig zufriedenstellend. Immerhin: Ich kam um die mündliche Prüfung herum.

Aus dieser Zeit nahm ich einen Glaubenssatz mit, der Jahre halten sollte: Ich kann nicht schreiben.

Chemie statt Worte

Also ging es weiter, ganz ohne Schreiben. Im Pharmaziestudium spielte Schreiben kaum eine Rolle, dafür umso mehr Chemie, Physik und Biologie, meine Lieblingsfächer schon aus der Schulzeit. Dazu Arzneiformenlehre und Pharmakologie: wie Medikamente im Körper wirken, Wechselwirkungen, Kontraindikationen. Eine Welt aus Formeln und Fakten, keine aus Sätzen.

Der stille Wendepunkt

Jahre später, ich war längst als Apothekerin tätig, beauftragte mich mein damaliger Chef mit der Korrespondenz zu Geschäftspartnern. Briefe schreiben, Fragen beantworten, Probleme lösen. Weil das mitten in meinem Arbeitsalltag stattfand, fiel es mir nicht schwer. Und dann passierte etwas, das vorher nie passiert war: Mein Schreiben wurde gelobt. Zum ersten Mal.

72 Stunden, die alles änderten

Der Wunsch nach einem eigenen Blog, für Reiseberichte, für meine Fotos, spukte schon lange in meinem Kopf herum. Aber irgendwie passte es nie so richtig, und technisch wusste ich auch nicht, wie ich das umsetzen sollte. Also blieb es ein Wunsch.

Vor drei Jahren dann ein Instagram-Post von Judith Peters: Sie rief dazu auf, innerhalb von 72 Stunden einen Blogartikel zu schreiben, Thema: Was ist meine Bestimmung? Das sprach mich sofort an. Ich setzte mich hin und schrieb meinen allerersten Blogartikel.

Inzwischen sind es über 160 geworden, in drei Jahren. Spaß und Freude erlebe ich bei jedem Artikel.

Was das Schreiben heute für mich bedeutet

Schreiben verlangsamt meine Gedanken. Ich denke nach über das, was ich schreiben will, füge Sätze bewusst zusammen, streiche wieder und beginne von vorn. Und ich darf humorvoll sein.

Durch das Schreiben tauche ich tiefer in ein Thema ein, beschäftige mich mehr damit. Es ist ein innerer Prozess: Ich verarbeite etwas, lerne etwas, schaue genauer hin. Eine Art inneres Aufräumen, das mir guttut.

Das Schreiben ordnet mich.

Der alte Glaubenssatz aus dem Deutschunterricht hat sich weitgehend aufgelöst. Heute schreibe ich über Achtsamkeit, Gesundheit, und meine Reisegeschichten, zuletzt von einer Schreibreise nach Marokko. Die Resonanz ist durchweg positiv, und über jeden Kommentar freue ich mich wie beim ersten Mal.

Wenn du auch so einen Satz mit dir herumträgst, eine Schulnote, ein Urteil von damals, das sich wie eine Wahrheit anfühlt: Es lohnt sich, ihn irgendwann zu prüfen. Eine 5+ im Deutsch-Abi sagt nämlich gar nichts darüber aus, ob du schreiben kannst. Das habe ich erst mit über fünfzig gelernt. Jeder einzelne unglanzvolle Umweg war es wert.

Schreibfreudige Grüße, Birgit

2 Kommentare
  • Annette Schwindt
    Posted at 19:13h, 02 August Antworten

    Ja, mir hat auch ein Deutschlehrer mal gesagt, ich solle später bloß nichts mit Sprache machen. Ich hab dann Sprachen studiert, Zeitungsredakteurin gelernt und ein Diplom als Beraterin für Kommunikation gemacht, wurde Buchautorin und Lektorin. Die Probleme damals lagen nämlich gar nicht an mir, sondern an dem toxischen Unterrichtsstil dieses Menschen, der niemals hätte Lehrer werden sollen!

    • Birgit Buchmayer
      Posted at 20:07h, 02 August Antworten

      Das sind deutliche Worte und du hast Recht. Ich freue mich über deinen Erfolg. LG Birgit

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